Wie höre ich auf, mein Kind anzuschreien?
Für dein Kind ist es nicht gut, angeschrien zu werden.
Das weißt du längst.
Wenn ein Kind sich bedroht fühlt, verliert es den Zugang zu dem Teil seines Gehirns, der für Empathie, Impulskontrolle und Lernen zuständig ist. Auch wenn es in einem anderen Zustand sehr vernünftig sein kann: Sobald es sich bedroht fühlt, wechselt es in den Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsmodus.
Im Kampfmodus folgt es unseren Aufforderungen nicht mehr, sondern schreit, schlägt, spuckt, tritt oder beleidigt – obwohl es eigentlich weiß, dass wir das nicht in Ordnung finden.
Im Flucht- oder Erstarrungsmodus versteckt es sich vielleicht unter dem Tisch oder wird ganz still. Beides ist wenig hilfreich, wenn ihr jetzt dringend zu einem Termin losmüsst.
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Warum Anschreien nichts bringt
Wenn wir an die Empathie oder Moral unseres Kindes appellieren wollen, wenn wir Kooperation oder Lernprozesse ermöglichen möchten, braucht unser Kind zunächst Zugang zu seinem präfrontalen Kortex. Und diesen Zugang erreichen wir nie durch Meckern, Anschreien, Drohen oder Strafen.
Sondern dadurch, dass wir ruhig bleiben und das Nervensystem unseres Kindes co-regulieren.
Warum wir trotz guter Vorsätze schreien
Vermutlich hattest du nicht vor, dein Kind weiterhin anzuschreien. Warum passiert es dann trotzdem – immer wieder?
In diesen Momenten nimmt unser eigenes Nervensystem das Verhalten unseres Kindes als Bedrohung wahr.
Vielleicht bedroht es:
- unsere Ordnung oder unseren Plan,
- das Bild, das andere von uns haben,
- unsere Vorstellung von einem „funktionierenden“ Familienleben,
- oder unser Selbstbild als Mutter.
Manchmal werden auch alte Gefühle aus der eigenen Kindheit aktiviert. Wenn wir damals angeschrien oder bestraft wurden, sobald wir emotional waren, kann unser Nervensystem genau dieses Verhalten als gefährlich abgespeichert haben. Wenn unser Kind heute emotional wird, springt dieses alte Alarmprogramm an – und wir wollen die Situation unbedingt stoppen. Also schreien wir ebenfalls.
Was in deinem Gehirn passiert, wenn alles kippt
Wenn unser Nervensystem eine Situation als Gefahr einstuft, verlieren auch wir den Zugriff auf unseren präfrontalen Kortex.
Dieser Teil des Gehirns ist zuständig für:
- Problemlösen
- Empathie
- Impulskontrolle
- verbalen Ausdruck
Stattdessen schlägt die Amygdala Alarm und wir sind automatisch im Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsmodus. Wir kämpfen dann im wahrsten Sinne des Wortes gegen unser eigenes Kind, weil wir uns innerlich bedroht fühlen.
Warum du keine "schlechte" Mutter bist
Wenn dir das immer wieder passiert – wenn du laut wirst, grob wirst, meckerst oder Dinge sagst, die du später bereust – dann ist mit dir grundsätzlich nichts falsch. Deine Überlebensinstinkte funktionieren sehr gut.
Du verschärfst die Lage, wenn du von dir erwartest, unter allen Umständen gelassen zu bleiben. Denn wenn das nicht gelingt, kommen Schuld- und Versagensgefühle dazu – und die wirken wiederum bedrohlich auf dein Nervensystem. So entsteht eine Negativspirale, in der man sich dauerhaft als „Meckermama wider Willen“ erlebt.
Du darfst also erst einmal innehalten und anerkennen: Diese Reaktion ist menschlich. Und dann wieder loslassen. Du bist nicht falsch, sondern schlicht und einfach ein normaler Mensch.
Verantwortung übernehmen – ohne dich selbst zu überfordern
Gleichzeitig liegt es natürlich in unserer Verantwortung als Eltern, etwas zu verändern.
Und zwar nicht, indem wir von unseren Kindern erwarten, dass sie sich endlich „besser benehmen“, damit auch wir uns dadurch endlich im Griff haben können.
Zunächst müssen wir anerkennen: Kinder müssen Impulskontrolle und Selbstregulation erst über viele Jahre hinweg lernen.
Dafür brauchen sie uns zunächst als Co-Regulator und schließlich als Vorbild.
Was dir langfristig hilft, ruhiger zu bleiben
Ein entscheidender Hebel ist, dass du insgesamt regulierter durch deinen Alltag gehst.
Das bedeutet:
- Stress reduzieren, wo es möglich ist
- gut für dich sorgen (z.B. auf Schlaf, Ernährung, Bewegung und Pausen achten)
- eigene Bedürfnisse und Grenzen ernst nehmen
- dir mit Selbstmitgefühl begegnen
Schon sehr kleine Veränderungen können hier viel bewirken. Viele Mütter sind überrascht, wie stark sich Mini-Pausen oder bewusst genossene Momente auf ihre innere Anspannung auswirken. Die eigenen Bedürfnisse und Grenzen ernst und wichtig zu nehmen ist nicht egoistisch – davon profitieren auch deine Kinder.
Was dir im akuten Moment helfen kann
Wenn du im Alltag insgesamt regulierter bist, wird es auch leichter, dich in schwierigen Momenten zu regulieren. Dabei hilft Achtsamkeit – und zwar in sehr alltagstauglicher Form.
Das kann heißen:
- deine Gefühle bewusst wahrzunehmen
- für dich zu benennen: „Ich bin gerade gestresst.“
- dir, wenn möglich und nötig, kurz einen Moment Abstand zu nehmen
Es gibt viele Regulationstechniken, die helfen können. Wichtig ist weniger, welche du wählst, sondern dass du dich bewusst auf eine einlässt.
Zum Beispiel: eine Minute ruhig atmen, mit längerem Aus- als Einatmen
Übe so etwas am besten in ruhigen Momenten immer wieder, damit dein Nervensystem im Ernstfall darauf zurückgreifen kann. Perfekt klappt das nie – und das ist okay.
Eigene Trigger verstehen
Hilfreich ist außerdem, die eigenen Trigger erkennen zu lernen. Wenn du weißt, dass dich bestimmtes Verhalten besonders stresst, weil es alte Erfahrungen aus deiner Kindheit berührt, kannst du diese Situationen innerlich anders einordnen.
Dann reagierst du weniger auf dein Kind – und mehr auf das, was gerade in dir passiert.
Wenn du merkst, dass dich dieses Thema schon lange begleitet, erwarte nicht von dir, dass ein einzelner Artikel alles verändert. Regulation ist nichts, was man einmal versteht und dann „kann“. Es ist etwas, das man trainiert – in kleinen Schritten, immer wieder.
Und selbst dann wird es Momente geben, in denen du laut wirst.
Das macht dich nicht falsch. Es macht dich menschlich.
Falls du dir bei diesem Prozess Unterstützung wünscht, findest du hier verschiedene hilfreiche Angebote.
