Warum du als Mama eines gefühlsstarken Kindes an deine Grenzen kommst
Ich weiß noch genau, wie ich damals dachte: Was stimmt mit mir nicht? Warum ist das alles so anstrengend? Andere schienen das Familienleben mit links zu meistern - bei mir fühlte es sich eher nach überleben an.
Damals kam ich mir ziemlich alleine mit diesen Gedanken vor. Heute weiß ich: Ich war es nicht. Und du bist es auch nicht.
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Du liebst dein Kind. Und du kannst gleichzeitig kaum fassen, wie fordernd das Leben mit ihm ist. Du erklärst, beruhigst, vermittelst, hältst den Raum für Gefühle – immer und immer wieder. Und am Ende des Tage fragst du dich: Warum macht mich das alles so fertig? Warum fällt es mir so schwer, Mama zu sein? Mache ich das überhaupt gut genug?
Wenn du solche Gedanken kennst, ist meine wichtigste Botschaft: Es liegt nicht an dir! Du machst das wirklich gut – aber dieser Alltag mit einem besonders intensiv fühlenden Kind führt viele Mütter an ihre Grenzen. Und oft darüber hinaus.
Das sage ich nicht nur, weil ich es selbst erlebt habe oder weil sich mir mittlerweile so viele Mamas emotionsgeladener Kinder anvertraut haben. Es ist auch das Ergebnis von Studien und Umfragen.
Eine amerikanische Psychologin, Macall Gordon, hat im März 2025 in einem Artikel in Psychology Today eindrücklich beschrieben, wie sehr Eltern – besonders von gefühlsstarken Kindern – belastet sind. Ich habe diesen Artikel gelesen und sofort gedacht: Das sollten alle Mütter wissen. Weil es entlastet. Und weil es hilft, sich selbst endlich ernst zu nehmen.
Elterlicher Burnout – was ist das eigentlich?
In den USA gehen Wissenschaftler davon aus, dass dort etwa 9 Prozent aller Eltern an einem elterlichen Burnout leiden.
Dabei geht es nicht um normale Erschöpfung, die die allermeisten Eltern hin und wieder zu spüren bekommen. Sondern es geht um einen Zustand chronischer Überforderung und absoluter Energieleere, bei dem die Anforderungen an die Eltern dauerhaft die verfügbaren Ressourcen übersteigen.
Die Freude am Familienleben schwindet – und damit auch die gefühlte Nähe und Verbundenheit zum Kind. Denn als Schutzstrategie gegen die Überbelastung ziehen sich Eltern mit Burnout häufig emotional zurück, funktionieren nur noch im Autopilot-Modus oder reagieren ständig gereizt.
Je mehr Stressquellen aufeinandertreffen – ob alleinerziehend sein, fehlende Unterstützung, finanzielle Sorgen oder belastende Berufstätigkeit – desto größer wird das Risiko. Besonders hoch ist die Belastung auch bei Eltern von Kindern mit besonderen Bedürfnissen – etwa Autismus oder ADHS. Und Macall Gordon fragte sich, ob man das nicht auch auf Eltern gefühlsstarker Kinder übertragen könnte.
75 % der Eltern gefühlsstarker Kinder fühlen sich am Limit
Um das herauszufinden hat Macall Gordon eine Online-Umfrage in Communities für Eltern besonders temperamentvoller Kinder durchgeführt und ausgewertet. Über 75 % der Befragten gaben dort an, sich emotional und körperlich am Limit zu fühlen.
Natürlich ist eine solche Befragung keine medizinische Diagnoseerhebung, aber sie zeigt sehr deutlich, wie häufig Eltern sich belastet, überfordert und alleine gelassen fühlen, wenn sie mit einem besonders intensiv fühlenden Kind leben.
Warum gerade Eltern gefühlsstarker Kinder so oft betroffen sind, begründet die Autorin mit drei Faktoren:
1. Diese Kinder brauchen ständigen elterlichen Einsatz
Gefühlsstarke Kinder schlafen oft schlecht, reagieren schnell überreizt, brauchen dauerhaft enge Begleitung. Sie nehmen alles intensiv wahr, kippen schneller aus der Bahn – und holen dich ununterbrochen in ihre Welt.
Das sind die Kinder, die scheinbar nie zur Ruhe kommen – die auf jede Kleinigkeit heftig reagieren und bei der kleinsten Veränderung zusammenbrechen. Sie weigern sich, sich anzuziehen, obwohl sie es längst könnten. Viele wachen nachts immer wieder auf, fordern tagsüber Nähe – und stoßen dich dann im nächsten Moment wieder von sich.
Ich erinnere mich an Nächte, in denen ich mein Baby stundenlang getragen habe – völlig gerädert und gleichzeitig voller Sorge, dass ich irgendetwas falsch mache. Ich habe mich gefragt: Wie schaffen das die anderen?
Heute weiß ich: Viele wissen selbst nicht, wie sie das schaffen sollen, sie sprechen nur nicht darüber.
2. Der soziale Vergleich tut weh.
Eltern gefühlsstarker Kinder erleben häufig, dass ihre Realität nicht mit dem übereinstimmt, was gesellschaftlich als „normale Familie“ dargestellt wird.
Das führt sehr schnell zu inneren Zweifeln: Was stimmt mit uns nicht? Was mache ich falsch?
Du siehst andere Kinder, die vergnügt auf dem Spielplatz spielen – während dein Kind wegen einer verdrehten Mütze weinend am Boden liegt.
Während andere von ihrem entspannten Besuch in einem Kindercafé erzählen, siehst du euch wieder auf dem Gehweg stehen, dein Kind schreiend auf dem Boden, weil die Socken nicht richtig sitzen.
Du hörst, wie andere Kinder ganz selbstverständlich bei der Oma übernachten – und fragst dich, wie das gehen soll, wenn deins jeden Abend darauf besteht, deine – und nur deine – Hand zu halten, damit es nach langem unruhigen Hin und Her endlich einschlafen kann.
Du hörst, wie Eltern erzählen, „Also unser Kind schläft durch, seit es drei Monate alt ist. Wir haben es einfach nicht bei jedem kleinen Quäken gleich hochgenommen.“ Und du spürst nur: Bei uns ist es einfach anders.
Studien zeigen: Je größer die Kluft zwischen dem eigenen Erleben und dem inneren Ideal, desto größer die Erschöpfung.
Dieser ständige Vergleich macht so viel kaputt. Ich habe viele Gespräche mit Müttern geführt, die sich dadurch unzulänglich gefühlt haben – obwohl sie jeden Tag so viel geben.
3. Das Vertrauen in sich selbst schwindet.
Wenn gut gemeinte Ratschläge nicht helfen, Strategien verpuffen oder alles noch schlimmer machen, beginnen viele Eltern an sich zu zweifeln.
Bin ich einfach nicht belastbar genug? Liegt es an mir?
Du hast das Buch gelesen, den Kurs gemacht, die Tipps ausprobiert.
Du hast versucht ruhig zu bleiben, empathisch zu begleiten, Alternativen anzubieten. Und trotzdem eskaliert der Morgen wieder beim Zähneputzen. Wieder Tränen, Geschrei, Widerstand – und du spürst, wie dein Geduldsfaden reißt.
Vielleicht hast du dann schon Sätze gehört wie:
„Na, bei uns klappt das ganz gut – du musst es nur konsequent durchziehen.“
Oder „Du darfst dich nicht so verunsichern lassen – Kinder merken das!“
Und innerlich denkst du: Ich versuche doch schon alles. Wieso funktioniert es trotzdem nicht?
Die Forschung zeigt: Eltern temperamentvoller Kinder schätzen ihre eigene elterliche Kompetenz oft deutlich geringer ein als andere Eltern.
Nicht, weil sie etwas falsch machen, sondern weil sie mit Herausforderungen kämpfen, die andere gar nicht wahrnehmen.
Und genau das macht etwas mit dem Selbstvertrauen.
Viele Mütter fühlen sich wie ein Sonderfall – obwohl sie eigentlich nur in einer besonders fordernden Situation sind.
Was dir hilft – bevor alles kippt
Vielleicht hast du beim Lesen gemerkt: Ja, das trifft einiges ziemlich genau.
Es kann erleichternd sein, endlich Worte für das zu finden, was du erlebst. Und gleichzeitig macht es vielleicht auch ein bisschen Angst – weil es so wahr ist.
Es lohnt sich, innezuhalten und hinzuschauen. Du darfst dich ernst nehmen. Du darfst anfangen, freundlicher mit dir umzugehen – bevor es sich weiter zuspitzt.
Ein gefühlsstarkes Kind zu begleiten, kann dich stark fordern. Aber du musst nicht darauf warten, dass es leichter wird. Du kannst dich stärken – nicht, weil du schwach bist, sondern weil du so viel trägst.
Im Artikel von Macall Gordon finden sich dazu hilfreiche Gedanken und Strategien, die ich dir im Folgenden vorstellen möchte.
1. Erwartungen loslassen
Du musst nicht so funktionieren wie andere. Deine Familie ist keine Familie aus dem Bilderbuch – sie ist eure. Und das bedeutet: Ihr dürft euren eigenen Weg gehen.
Vergleiche dich nicht mit der Nachbarin, deren Kind angeblich „immer durchschläft“ oder mit der Familie, bei der jedes Wochenende „entspannt und harmonisch“ abläuft.
Wenn du merkst, dass bestimmte Vorstellungen dich immer wieder frustrieren, dann darfst du sie loslassen.
Weil du gerade das Leben lebst, das wirklich da ist. Und das darfst du auch genießen, mit allem was dazugehört.
2. Die Perspektive wechseln
Was du als anstrengend erlebst, ist oft auch Ausdruck von etwas Besonderem:
- Ein Kind, das viel diskutiert, denkt mit.
- Ein Kind, das lautstark protestiert, kämpft für seine Autonomie.
- Ein Kind, das schnell überreizt reagiert, nimmt seine Umwelt besonders intensiv wahr.
Natürlich macht das den Alltag nicht automatisch leicht – aber es lohnt sich, auch das Positive zu würdigen. Wenn du es schaffst, diese Seiten nicht nur als Problem zu sehen, sondern auch als Teil einer starken Persönlichkeit – dann verändert sich oft schon etwas in dir. Und das wirkt zurück auf dein Kind.
3. Selbstmitgefühl kultivieren
Du bist nicht perfekt – und du musst es auch nicht sein.
Wenn du das nächste Mal wieder laut wirst, dich erschöpft fühlst oder innerlich abschaltest, dann versuch es mal mit diesem Gedanken: „Das war schwer. Ich habe mein Bestes gegeben. Jetzt darf ich gut mit mir sein.“
Selbstmitgefühl heißt nicht, alles schönzureden. Es heißt, dich wie eine Freundin zu behandeln – besonders dann, wenn es schwierig ist. Und diese Haltung verändert oft mehr als die perfekte Strategie.
4. Kleine Pausen ernst nehmen
Vielleicht wünschst du dir einen Nachmittag für dich oder ein ganzes Wochenende ohne Verpflichtungen – aber das ist gerade nicht drin.
Dann such nach den kleinen Momenten: Zwei Minuten Stille im Bad. Fünf tiefe Atemzüge am offenen Fenster. Eine Tasse Tee, die du bewusst trinkst.
Zehn Minuten, in denen du dich hinsetzt, obwohl noch Wäsche da ist.
Diese Pausen retten vielleicht nicht den ganzen Tag – aber sie machen einen Unterschied. Und sie sind oft realistischer als das große „Me-Time-Versprechen“, das sich nie einlösen lässt.
5. Hilfe annehmen
Du trägst im Moment viel – oft mehr, als gut für dich ist. Kein Wunder, wenn du dabei immer wieder an deine Grenzen kommst oder sogar darüber hinaus.
Gerade dann ist es wichtig, dir Unterstützung zu holen – und zwar ohne schlechtes Gewissen. Ob emotional, praktisch oder organisatorisch: Jede Hilfe, die dich entlastet, zählt.
Es ist kein Zeichen von Schwäche, wenn du nicht alles allein schaffst. Im Gegenteil: Eltern, die sich begleiten lassen, bleiben oft länger stabil – und können gelassener für ihre Kinder da sein.
6. Frühzeitig innehalten
Warte nicht, bis nichts mehr geht.
Wenn du merkst, dass du dich immer häufiger zurückziehst, nichts mehr genießen kannst oder dich innerlich leer fühlst – dann ist das kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Warnsignal.
Was du jetzt brauchst, ist kein weiteres „sich mal zusammenreißen“, sondern ein liebevolles Innehalten.
Du darfst jetzt hinschauen. Und entscheiden, was dir gut tut – für dich und deine Familie.
Was dieser Artikel nicht ist
Dieser Artikel ist keine medizinische Diagnose und ersetzt keine psychotherapeutische Begleitung. Er verspricht keine Heilung von Burnout oder Depression.
Aber vielleicht hat er dir geholfen, deine Situation besser einzuordnen.
Vielleicht ist dir endlich klar geworden, dass es nicht an dir liegt und du konntest etwas Mitgefühl für dich selbst entwickeln – und den Wunsch, besser für dich zu sorgen.
Dann hast du bereits den ersten Schritt getan.
Wenn du diesen Weg nicht alleine gehen möchtest, dann begleite ich dich gerne.
In meinem Jahresprogramm „Bewusster leben als Mama“ geht es darum, frühzeitig wahrzunehmen, was dich überfordert – und Wege zu finden, die dir wirklich guttun.
Du stärkst die Verbindung zu dir selbst und deinem Kind. In kleine, machbaren Schritten. Und das in einer Gemeinschaft von Mamas, die ähnlich fühlen und dich verstehen. Das kann unglaublich entlastend sein.
Hier findest du mehr Informationen zu meinem Programm.
Manchmal beginnt Veränderung ganz leise – mit einem Moment der Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Vielleicht war dieser Text so ein Moment für dich.
