Leben als Mutter heute: die Wahlfreiheit und ihre Tücken

Leben als Mutter heute: die Freiheit der Wahl und ihre Tücken

2015 lag die statistische Geburtenrate in Deutschland bei 1,5 Kindern je Frau. Dies ist der Höchststand seit 1982.

Wir sind heute frei.

Die geringe Kinderdichte in Deutschland hat zur Folge, dass immer mehr Menschen unsicher, teilweise überfordert sind, sobald sie selbst Eltern werden.

Mehr als jede Generation zuvor können wir uns aussuchen, wie wir unser Leben gestalten wollen. Wir haben die Wahl.

Die Entscheidung liegt allein bei uns, mit wem und womit wir unsere Zeit verbringen, wie wir unsere Partnerschaft organisieren, den Umgang mit unseren Kindern gestalten oder wie wir uns ernähren. Wir haben viele Möglichkeiten.

Das war die längste Zeit der Menschheitsgeschichte ganz anders.

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Bis vor wenigen Jahrzehnten war das Leben der Menschen von Knappheit geprägt – der Lebensstandard war deutlich niedriger. Wer früher als arm galt, kämpfte um das Überleben: gegen Hunger, Kälte und Krankheiten.

Die Menschen wurden in hierarchische Strukturen hineingeboren. Wenige herrschten über die Mehrheit. Es war eine Ordnung die – so glaubte man – von Gott gegeben war. Jeder Mensch hatte seinen festen Platz und sollte nicht aufbegehren.

Leibeigene, aber auch freie Mägde und Knechte durften keine freien Entscheidungen treffen. Gewalt war an der Tagesordnung. Die strenge Hierarchie der Gesellschaft wurde auch in den Familien weitergeführt. Der Mann als Oberhaupt der Familie bestimmte über alle anderen. Der Wille von Frau und Kindern wurde mit Gewalt gebrochen. Es war normal und sozial akzeptiert, ja sogar erwartet, dass Schwächere geschlagen wurden.

Wer in der Welt unserer Vorfahren sicher sein wollte, musste sich kontrollieren lassen.

Denn der freie Wille eines Individuums war der größte Feind hierarchischer Gesellschaftsformen.

Kaum ein Mädchen wurde groß, ohne dass es die Möglichkeit hatte, beiläufig die Rolle als Mutter zu erlernen und einzuüben.

Erwachsensein hieß damals, seinen sozialen Stand anzunehmen, sich entsprechend der gesellschaftlichen Erwartungen zu verhalten und seinen Pflichten nachzukommen. Wer sich nicht mit den Regeln der Gesellschaft identifizierte und diese verinnerlichte, provozierte damit schwerwiegende Konflikte.

Es mangelte nicht an Gelegenheiten zu beobachten, wie Erwachsene mit Säuglingen umgehen. Ganz selbstverständlich passten die Mädchen (aber sicher auch die Jungen) auf ein Nachbarbaby, den kleinen Cousin oder das eigene jüngere Geschwisterkind auf.

Heute können wir leben, wie wir wollen

Wer mit seinem Vorgesetzten nicht klar kommt, kann sich beschweren oder kündigen, wer sich mit seinem Ehepartner zerstritten hat, kann sich scheiden lassen, Homosexualität darf offen gelebt werden und wer sich im Alter von 50 Jahren noch beruflich neu orientieren möchte – nur zu!

Es ist nicht entscheidend, „was die Nachbarn denken“, es ist keine Katastrophe, mit 17 Jahren unehelich schwanger zu sein oder eine Ausbildung abzubrechen. Wir sind frei, uns auszusuchen, mit welchen Menschen wir uns umgeben, in Zeiten des World Wide Web können sich Gleichgesinnte leicht zusammenfinden.

Zum Antritt unserer Mutterschaft wissen viele von uns kaum etwas von all den Problemen, die es beim Großziehen der Kinder natürlich schon immer gegeben hat.

Warum ist es trotz allem so schwer, den „richtigen“ Lebensweg für sich zu finden und einfach glücklich zu sein?

Da sind zum einen Überbleibsel aus der alten Zeit, Glaubenssätze, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden, die uns in der Freiheit des Denkens beschränken.

Zum anderen setzt es uns unter Druck, unter so vielen Möglichkeiten wählen zu müssen. Auf einmal ist jeder für das „Gelingen“ seines Lebens selbst verantwortlich. Sollten wir uns falsch entscheiden, sind wir demnach „selbst Schuld“. Die Angst davor, etwas zu verpassen, ein ständiges Grübeln darüber, ob nicht ein anderer Weg uns mehr Zufriedenheit bringen könnte, kann uns handlungsunfähig machen.

Beschränkendes Gedankengut unserer Vorfahren

Heute leben wir zumindest hier in Deutschland und Europa in demokratisch verfassten Gesellschaften mit einem funktionierenden Rechtssystemen, das vor allem die Grundrechte jedes Einzelnen schützt.

Dennoch greifen wir häufig – oftmals ganz unbewusst – auf überholte Denkstrukturen und Verhaltensweisen aus den autoritären Zeiten unserer Vorfahren zurück.

Es sind Glaubenssätze, die uns als Kinder von den Erwachsenen „eingeimpft“ wurden, die sie wiederum von ihren Eltern und Großeltern erlernt haben.

Meine Eltern wurden in den ersten Nachkriegsjahren geboren. Deren Eltern und Großeltern waren geprägt durch die Erfahrungen des Nationalsozialismus und der beiden Weltkriege. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Prinzipien von Befehl und Gehorsam in diesen Generationen fest verankert waren.

In jeder Zeit war Gehorsam gegenüber jeder Art von Autorität – von der Schule über das Militär bis zum Umgang mit staatlichen Behörden jeder Art – der sicherste Weg, sich möglichst konfliktfrei in der Gesellschaft zurechtzufinden. Disziplin und Härte galten über lange Zeit als hervorragende Tugenden. Wer sie von sich selbst wie von anderen forderte, wurde allseits geachtet.

Vielleicht hast du dir vorgenommen, unseren „modernen“ pädagogischen Empfehlungen gemäß  deine Kinder auf Augenhöhe zu begleiten, ihnen Würde und Respekt angedeihen zu lassen und sie nicht nach deinen Wünschen zu „verbiegen“.

Sind wir wütend und überfordert, kann es allerdings schnell passieren, dass wir in Verhaltensmuster verfallen, die wir ablehnen. Wir machen unserem Ärger mit Geschrei und Gebärden Luft und schüchtern dabei unsere Kinder ein – nur zu leicht schleichen sich „Wenn-Dann“-Drohungen ein: „Wenn du nicht aufhörst mit dem Sand zu schmeißen, gehen wir sofort nach Hause!“

Kennst du das? In solchen Momenten rufen wir ganz unbewusst Glaubens- und Verhaltensmuster früherer Generationen ab.

Nehmen wir ein anderes Beispiel: Vielleicht hast du dir vorgenommen, als Mutter bald nach der Geburt wieder arbeiten zu gehen. Aber wenn es dann so weit ist und das Kind in die Betreuung eingewöhnt wird, plagt dich plötzlich ein schlechtes Gewissen und du fragst dich, ob du eine egoistische und „schlechte“ Mutter bist. Du fühlst dich verunsichert und haderst mit dir, ob du die „richtige“ Entscheidung getroffen hast.

Es sind dann nicht (nur) mütterliche Gefühle, die sich regen, sondern auch Stimmen aus der Vergangenheit, die Zweifel oder gar Selbstvorwürfe bei dir wecken: „Darf ich das überhaupt? Kann ich mich als arbeitende Mutter gleichzeitig gut genug um mein Kind kümmern? Was denken die anderen über mich, wenn ich das durchziehe?“

Es ist wichtig zu erkennen, dass uns in solchen Fällen oft überlieferte Denk- und Verhaltensweisen daran hindern, so zu leben, wie wir uns das eigentlich wünschen, wie es unseren Werten entspricht und wie es heutzutage auch gesellschaftlich förderlich ist.

Indem wir uns darüber klar werden, dass so manch tradierter Glaubenssatz noch fest in unseren Köpfen verankert ist, obwohl er für unser heutiges Leben nicht mehr maßgeblich sein sollte, gewinnen wir ein großes Stück Entscheidungsfreiheit.

Um nicht missverstanden zu werden: Kinder dürfen nicht sich selbst überlassen bleiben. Wir Eltern haben sehr wohl die Verantwortung, unsere Kinder in ihrer Entwicklung zu begleiten und ihnen zu vermitteln, welches Verhalten sozial angemessen ist.

Und es kann sehr wohl eine auch in unserer Zeit vollkommen vernünftige, den eigenen Werten angemessene Entscheidung sein, auf Fremdbetreuung und damit auch auf „Karriere“ zu verzichten.

Nur sollte unser Verhalten unseren Kindern gegenüber idealerweise nicht getrieben sein von – mehr oder weniger unbewussten – Vorstellungen davon, bestimmten (vorgeblichen) sozialen Anforderungen zu genügen, deren Voraussetzungen aus Sicht aktueller entwicklungspsychologischer und pädagogischer Erkenntnisse überholt sind.

Wenn wir uns jetzt die Freiheit nehmen, unseren Kindern so viel Zeit zu widmen, wie unsere Mütter und Großmütter, die (vielleicht) ganz selbstverständlich die Rolle als „Hausfrau und Mutter“ übernommen haben, dann sollte dies jetzt aus freier Überzeugung geschehen, nicht um eines (überholten) gesellschaftlichen Ideals willen.

Und Gleiches sollte natürlich auch für diejenigen gelten, die nach der Geburt schnell wieder in ihren Job zurückstreben: Wer dies nur deshalb will, weil es vielleicht der neue „Mainstream“ ist,d er verzichtet im Grunde auf eine Freiheit, die ihm unsere Gesellschaft bietet, sein Leben nach eigener Fasson zu gestalten.

Erst wenn wir die Glaubenssätze identifiziert und sie als für unser heutiges Leben als irrelevant entlarvt haben, können wir daran arbeiten, sie durch modernere, passendere Einstellungen zu ersetzen.

Die Last der Entscheidungsfreiheit

Wir leben heute nicht mehr in einer einengenden, unterdrückenden Welt. Es wird uns nicht mehr von außen vorgegeben, wie wir unser Leben zu führen haben.

Noch nie hatten wir so viel Freiheit über unser Familien- und Berufsleben wie heute. Die Verantwortung dafür, welchen Lebensweg wir einschlagen, liegt allein bei uns. Entscheiden zu müssen, birgt immer das Risiko, später zu bereuen. Was, wenn wir uns „falsch“ entscheiden? Wir haben Angst, „selbst schuld“ zu sein, wenn wir auf unserem eigenverantwortlich eingeschlagenen Lebensweg nicht glücklich werden.

So spricht man bei Mittzwanzigern, die sich durch die unüberschaubare Zahl an Möglichkeiten unter Druck gesetzt fühlen, mittlerweile von der „Quaterlife-Crisis“.

Die sozialen Medien tragen ihren Teil zur Verunsicherung bei. Man verfolgt auf sehr oberflächliche Weise den Lebensweg von Freunden und Bekannten, die auf ihren optimierten Facebook- und Instagram-Accounts ganz überzeugend den Eindruck vermitteln, sie hätten bei Partner- und Berufswahl das große Los gezogen und das perfekte Familienleben läuft wie am Schnürchen nebenher. Da können einem als Beobachter schnell Selbstzweifel überkommen.

Gerade junge Eltern müssen viele Entscheidungen mit potentiell langfristigen Folgen treffen: Wer bleibt wie lange bei den Kindern zu Hause? Wann und in welchem Umfang plane ich den beruflichen Wiedereinstieg? Von wem lasse ich wie lange mein Kind betreuen? Möchte ich in den alten Job zurück oder ergreife ich die Chance, mich beruflich neu zu orientieren?

Es gibt keine verbindlichen sozialen Normen mehr, an denen man sich festhalten könnte (oder müsste). Alles scheint möglich, jede Entscheidung birgt das Risiko, später erkennen zu müssen, dass ein anderer Weg vielleicht doch besser gewesen wäre …

Wir verspüren die große Verantwortung. Denn diesmal entscheiden wir nicht mehr nur für uns, sondern gleich für eine ganze Familie.

Darum schleicht sich doch nicht selten gerade mit der Geburt eines Kindes die traditionelle Rollenverteilung ein. Die meisten von uns sind risikoscheu und aus der Warte tradierter, unbewusst internalisierter Verhaltensstrukturen sind wir damit auf der „sicheren“ Seite. 

Für unsere langfristige Lebenszufriedenheit ist es jedoch wichtig zu vermeiden, uns in unserer Freiheit zu sehr von Angst- und Sicherheitsdenken einschränken zu lassen. Denn dies verstellt uns den Blick auf die Möglichkeiten und Freiheiten, die unsere Gesellschaft uns bietet, unser Leben unseren eigenen Werten, Zielen und Wünschen gemäß einzurichten.

Orientierungshilfe

Aber woran sollen wir uns bei unseren Entscheidungen orientieren, wenn es kaum noch sozial verbindliche Normen gibt? Was könnten unsere Ziele und Wünsche sein? Geld? Gesundheit? Karriere? Freizeit? Familie? Reisen?

Wenn wir uns wirklich frei davon machen, uns an die sozialen Normen anderer halten zu wollen, können wir uns darauf konzentrieren, was uns selbst zu innerlicher Zufriedenheit führen kann.

Was passt zu unseren individuellen Eigenschaften und Vorlieben? Mit welcher Entscheidung werden wir uns dauerhaft zufrieden fühlen? Wie können wir unsere Lebensqualität steigern?

Es kann hilfreich sein, eine Vision von einem idealen Leben gemessen an den eigenen Werten zu entwickeln, und diese als Kompass zu benutzen.

Natürlich kann die Vision immer wieder angepasst werden, schließlich entwickeln auch wir uns weiter.

Wie stellst du dir ein perfektes Leben in einigen Jahren vor? Wie, wo und mit wem möchtest du die Tage verbringen? Unter welchen Bedingungen glaubst du, dass du wirklich mit dir selbst im Reinen sein und mit deinem Leben zufrieden sein könntest? Versuche, ehrlich zu dir selbst zu sein und dir diese Welt detailliert auszumalen.

Vor diesem Hintergrund kannst du dir immer wieder neu überlegen: Was kannst du tun, um diesem Ziel näher zu kommen? Welche Entscheidungen werden eher zu einer höheren Lebenszufriedenheit führen?

Durch eine in gelassener und ehrlicher Selbstreflexion gewonnenen persönlichen Vision vom selbstzufriedenen Leben gewinnst du mehr Sicherheit bei deinen Entscheidungen. Sie kann dir dabei helfen, deine Freiheit zu bewahren, dein Leben so zu leben, wie es gut für dich ist, ohne dich – ganz ohne Not – dabei von tradierten, aber überholten Denkweisen und vermeintlichen gesellschaftlichen Erwartungen beschränken zu lassen.

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Leben als Mutter heute: die Wahlfreiheit und ihre Tücken

Lena Franck

Ich bin Lena Franck, 36 Jahre alt, Mama-Coach und selbst Mama zweier wunderbarer Mädchen, aktuell drei und fünf Jahre alt. Bist auch du eine Mama, die ihre Familie über alles liebt, und dennoch den Alltag oft als belastend, stressig, fremdbestimmt empfindet? Ich möchte dich mit meiner Arbeit stärken. Ich zeige dir Wege auf, wie du dein Leben wieder aktiv in die Hand nehmen kannst. Das macht dich zufriedener, ausgeglichener und damit letztlich zu einer geduldigeren Mutter und attraktiveren Partnerin. Mehr über mich

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