Wie unsere eigene Kindheit die Beziehung zu unseren Kindern beeinflusst
Manchmal überkommen uns im Umgang mit unseren Kindern ganz plötzlich heftige Gefühle. Wir verhalten uns dann nicht wie die Eltern, die wir eigentlich sein wollen. Wir regieren dann härter, ungeduldiger oder fühlen uns total überfordert.
Im Nachhinein fragen wir uns dann:
„Warum hat mich das so aus der Fassung gebracht?“
„Das war doch eigentlich gar nichts Dramatisches.“
Solche Situationen entstehen, wenn uns unser Unterbewusstsein „überrumpelt“. Es glaubt, eine Bedrohung liege vor, schaltet sich ein und übernimmt das Steuer.
Wir fühlen uns wie fremdgesteuert
Ein großer Teil unseres Verhaltens wird nicht bewusst gesteuert.
Über 90 % unserer Entscheidungen laufen unterbewusst ab.
Dabei reagiert das Unterbewusstsein sehr schnell. Es hat längst eine Reaktion parat, ehe wir eine Situation überhaupt bewusst wahrnehmen können.
Das ist grundsätzlich etwas Gutes: Unser Unterbewusstsein arbeitet schnell, effizient und energiesparend.
Während das bewusste Denken 80 Prozent der Energie unseres Gehirns verschlingt, benötigt das Unterbewusstsein für die unzähligen automatisch getroffenen Entscheidungen lediglich 20 Prozent der Energie.
Ohne diesen Automatismus wären wir im Alltag kaum handlungsfähig.
Unangenehm fällt es jedoch in Situationen auf, in denen das Unterbewusstsein sich anders entscheidet, als wir es mit unserem reflektierten Ich gerne entschieden hätten. Wenn wir zum Beispiel aus einem Impuls heraus unsere Kinder anschreien, dann ärgern wir uns oft hinterher über uns selbst.
Die Entstehung des Unterbewusstseins
Unser Gehirn speichert von Anfang an all unsere Erfahrungen, Wahrnehmungen, Gefühle und Reize unterbewusst ab. Die Jahre der frühen Kindheit prägen uns ganz besonders. In dieser Zeit eignen wir uns Denk- und Verhaltensmuster an, die häufig auch in unserem Erwachsenenleben noch wirken, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.
Als Kinder entwickeln wir ein inneres Konzept über uns und die Welt.
Was ist erlaubt?
Was ist gefährlich?
Wann bin ich richtig?
Wann verliere ich Zugehörigkeit?
Diese inneren Konzepte entstehen nicht bewusst.
Sie bilden sich aus dem, was wir erleben, beobachten und fühlen –
im Kontakt mit unseren wichtigsten Bezugspersonen.
Alles was unsere Vorbilder zu glauben scheinen, übernehmen wir ungefiltert als „Realität“. Handlungsmuster, die sich in dieser Zeit zur Erfüllung unserer Grundbedürfnisse bewähren, werden dauerhaft in unser Verhaltensrepertoire aufgenommen.
Welche Überzeugungen und Verhaltensstrategien wir uns dabei zu eigen machen, hängt von vielen Faktoren ab.
Wir bringen genetisch schon gewisse Veranlagungen mit – zum Beispiel hinsichtlich unseres Temperaments – die sich in unserem Verhalten schon von Anfang an zeigen.
Das interpretieren unsere Bezugspersonen vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen, Überzeugungen, Veranlagungen und den jeweiligen Lebensumständen.
Entsprechend verhalten sie sich dann uns gegenüber, was wiederum unsere eigenen Überzeugungen und Verhaltensweisen formt. Darin liegt letztlich der Prozess, der üblicherweise als „Sozialisation“ oder „Erziehung“ bezeichnet wird.
Überzeugungen
Von unseren Eltern übernehmen wir oft unbewusst Lebensregeln. Sie vermitteln uns vielleicht, dass „ein Indianer keinen Schmerz kennt“, dass „das Leben kein Ponyhof ist“, dass nur wer „hart arbeitet“ etwas leistet oder dass gute Schulnoten eine sichere Zukunft verheißen.
Solche häufig wiederholte Weisheiten haben wir oft in unserem Unterbewusstsein als Wahrheiten abgespeichert, ohne sie zu hinterfragen.
Zudem entwickeln wir unser Selbstbild aus der Rückmeldung unseres Umfelds heraus.
Waren unsere Eltern in unserem Beisammensein häufig gut gelaunt, umsorgten uns mit liebevoller Aufmerksamkeit und zeigten uns, dass sie mit uns rundum zufrieden waren, dann tragen wir wahrscheinlich heute noch das positive Grundvertrauen in uns, sodass wir, so wie wir sind, den Ansprüchen anderer genügen können.
Vielleicht herrschte in unserer Familie aber auch eine gestresste Atmosphäre. Wir haben als Kind immer wieder gehört „du machst uns nichts als Ärger“ oder „du bist zu nichts nutze“, bis wir es selbst verinnerlicht hatten. So verankerte sich in uns vielleicht der Glaubenssatz „Ich bin nicht wertvoll.“.
Das sind nur zwei Beispiele, um zu illustrieren: Was auch immer uns über uns vermittelt wurde, wir haben dies in unserer Kindheit in unserem Selbstkonzept, also der Idee, die wir von uns selbst haben, verinnerlicht und tragen diese Überzeugungen noch als Erwachsene in uns.
Schützende Verhaltensstrategien
Alle Menschen trachten danach, sich ihre psychischen Grundbedürfnisse zu erfüllen: Bindung, Selbstwerterhöhung bzw. - erhaltung, Kontrolle und Lustgewinn bzw. Unlustvermeidung.
Als Kinder werden wir in der Erfüllung unserer Bedürfnisse frustriert. Nicht immer steht uns unsere engste Bezugsperson zur Verfügung, uns gelingt nicht alles so, wie wir es uns wünschen, wir fühlen uns von den Eltern bevormundet und wir können nicht immer nur das tun, was uns gerade Spaß macht.
Um sich vor den damit einhergehenden unangenehmen Gefühlen zu schützen, retten wir uns entweder auf die Seite der Autonomie, also der Unabhängigkeit (bei Kleinkindern oft als Trotz beschrieben) oder auf die Seite der Bindung, also der emotionalen Abhängigkeit.
Dadurch können verschiedene Schutzstrategien entstehen: Wir fangen an, emotionale Kontakte zu vermeiden, wir versuchen perfekt zu sein, wir passen uns anderen in übertriebenem Maße an, wir gehen in aktiven oder passiven Widerstand aus Angst vor Unterlegenheit, wir ziehen uns in uns selbst zurück, wir flüchten uns in die Sucht oder wir stellen uns narzisstisch zur Schau, um unser schwaches Selbstwertgefühl zu übertünchen.
Wir mussten uns solche Strategien als Kind zulegen, um mit der Frustration unserer Bedürfnisse zurecht zu kommen. Heute sind wir allerdings keine abhängigen Kinder mehr, sodass sich einige Strategien als für unsere persönliche Entwicklung hinderlich herausstellen können.
Geburt unseres Kindes
Mit der Geburt unseres Kindes wurde uns die Verantwortung für eine kleine Persönlichkeit gegeben, die wir prägen werden, – ob wir wollen oder nicht.
Auf dieses Kind treffen wir nun mit unserer eigenen, in der Kindheit geformten Persönlichkeit, inklusive aller unbewusst eingebrannten Überzeugungen und Verhaltensweisen.
Nehmen wir an, wir lesen ein Buch mit den neuesten Forschungserkenntnissen darüber, wie wir idealerweise mit unseren Kindern umgehen sollten, damit sie sich gut entwickeln können. Auf dieser Basis entscheiden wir uns für einen liebevollen, ermutigenden Umgang mit unserem Kind.
Doch dann sind wir von uns selbst geschockt. Wir verhalten uns nicht so, wie wir es bewusst entschieden haben?! Wie kann das sein?
Vom Unterbewusstsein überrumpelt
Ein Beispiel: Dein Kind lässt im Supermarkt mit lautem, wütendem Gebrüll seinen Gefühlen freien Lauf, weil du ihm den Schokoriegel vorenthältst?
Dich macht dieses Verhalten wiederum furchtbar wütend. Du hast das Gefühl, dein Kind unbedingt „abstellen“ zu wollen, um die Kontrolle wiederzuerlangen. Du fauchst ihm die fiesesten Wenn-Dann-Drohungen entgegen, die dir einfallen, oder du gibst ihm schnell den Schokoriegel in die Hand, nur damit endlich Ruhe ist.
Dabei weißt du im Grunde ganz genau, dass es sich um ein ganz normales, für das Alter angemessenes Verhalten in der Autonomiephase handelt. Dein Kind wird mit der Zeit lernen, mit seiner Frustration besser umzugehen. Deshalb möchtest du "eigentlich" empathisch reagieren und es in seinen Gefühlen liebevoll begleiten.
Warum versetzt dich diese Situation bloß so in Stress?
Vielleicht hat man dir als Kind vermittelt, dass man seine Gefühle nicht zeigen darf, schon gar nicht lauthals in der Öffentlichkeit. Möglicherweise hast du dir sogar antrainiert, negative Gefühle in deinem Inneren gar nicht erst wahrzunehmen, weil es dir so wichtig war, dieser Anforderung deiner Eltern zu entsprechen.
Und was macht dein Kind? Es konfrontiert dich mit deiner unbewussten Überzeugung. Dein Kind verhält sich, wie sich ein Kind in der Autonomiephase nun einmal verhält, wenn es frustriert wird. Aber noch ehe du darüber nachdenken kannst, wie du reagieren möchtest, hat dein Unterbewusstsein sich schon für einen Weg entschieden – auf Basis deiner in der Kindheit erworbenen Glaubenssätze und den erlernten Strategien.
Aus alten Mustern ausbrechen
Wenn wir in belastenden Situationen mit unseren Kindern stecken, sind wir meist gleichzeitig emotional beteiligt und verantwortlich. Wir reagieren, fühlen, denken, bewerten – oft alles zugleich.
In dieser Gleichzeitigkeit wird es schwer zu erkennen, was eigentlich genau passiert:
- Was gehört zur aktuellen Situation?
- Was ist eine Reaktion auf das Verhalten des Kindes?
- Und welche alten Gefühle und Muster werden in uns selbst aktiviert?
Viele Eltern merken im Nachhinein sehr genau, dass sie überreagiert haben, können aber nicht klar benennen, warum.
An dieser Stelle kann es hilfreich sein, mit jemandem von außen auf eine konkrete Situation zu schauen, um sie auseinanderzudröseln:
- welche Muster sich wiederholen
- wo innere Bewertungen oder Erwartungen wirksam werden
- und an welcher Stelle Handlungsspielraum verloren geht
Solange wir selbst mitten in unseren – teils sehr alten – Gefühls- und Gedankenmustern stecken, halten wir sie oft für „die Wahrheit“.
Ein Coaching-Gespräch kann genau diese Gewissheiten auflockern und den Blick dafür öffnen, dass es auch andere Deutungen, Haltungen und Reaktionsmöglichkeiten geben könnte.
Manchmal braucht es dafür Zeit und mehrere Gespräche. Manchmal reicht aber auch eine erste, klare Einordnung, um innerlich wieder beweglicher zu werden.
Für genau diesen sortierenden Blick von außen gibt es mein Angebot einer persönlichen Audio-Antwort auf deine Mama-Frage. Du schilderst mir eine konkrete Situation oder Frage aus deinem Alltag, und ich teile meine Einschätzung, welche inneren Muster und Dynamiken darin eine Rolle spielen könnten und wo sich Ansatzpunkte für Veränderung zeigen.
Nicht als abschließende Antwort auf alles. Sondern als Orientierung, die dir hilft,
dich selbst und die Situation besser zu verstehen.
Zusammengefasst zeigen solche Situationen weniger, dass wir „falsch“ reagieren,
sondern dass unterschiedliche Ebenen gleichzeitig wirksam sind:
das Verhalten des Kindes, die aktuelle Situation und unsere eigenen, oft sehr frühen inneren Muster.
Je besser wir diese Ebenen voneinander unterscheiden können,
desto mehr Handlungsspielraum entsteht – unabhängig davon, welchen nächsten Schritt wir dann wählen.
