Wenn es beim Zu-Bett-Bringen immer Geschrei gibt

Kennst du das? Ihr hattet eigentlich einen schönen, erfüllten Tag und seid gut als Familie miteinander ausgekommen, aber wenn es Schlafenszeit ist, läuft auf einmal alles aus dem Ruder?

2015 lag die statistische Geburtenrate in Deutschland bei 1,5 Kindern je Frau. Dies ist der Höchststand seit 1982.

Immer das gleiche Theater!

Die geringe Kinderdichte in Deutschland hat zur Folge, dass immer mehr Menschen unsicher, teilweise überfordert sind, sobald sie selbst Eltern werden.

Ob es ums Umziehen, Zähneputzen oder Sich-ins-Bett-legen geht – dein Kind macht einfach nicht mit. Es dreht jetzt so richtig auf, lacht, verweigert sich, tobt und wütet – und das so gut wie jeden Abend!

Du hast vielleicht schon einiges versucht: das Abendritual verändert, eine andere Zahnpasta angeboten, einen neuen Schlafanzug gekauft, Lavendelduft eingesetzt und das Kind in einem ruhigen Moment gefragt, was es sich am Abend anders wünschen würde, damit es nicht immer so eskaliert. Aber all das hat nichts verändert. 

Es kann auch andere Zeitpunkte im Tagesablauf treffen. Häufig ist es der Moment, in dem man sein Kind vom Kindergarten abholt oder es passiert stets während des Abendessens. Dein Kind fängt an vermeintlich zu provozieren. Es macht so lange weiter, bis du mit deiner Geduld am Ende bist und es vielleicht unfreundlich anfährst. Schließlich heult es nur noch verzweifelt (und du manchmal auch).

Was ist da los?

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Ich bin davon überzeugt, dass das Kind sich nicht vorgenommen hat, dich gezielt zu ärgern. Es hat auch kein grundsätzliches Problem damit, sich z.B. einen Schlafanzug anzuziehen. Es ärgert sich auch nicht darüber, dass du jetzt im Kindergarten auftauchst und will dir auch nicht mitteilen, dass es sauer ist, dass du es dort so viele Stunden „alleine“ gelassen hast.

Strategie zum Stressabbau

Kaum ein Mädchen wurde groß, ohne dass es die Möglichkeit hatte, beiläufig die Rolle als Mutter zu erlernen und einzuüben.

Du kennst vielleicht das Phänomen, das manche Babys abends eine sogenannte Schreistunde einlegen. Eltern versuchen dann, es dem Baby durch umhertragen, vorsingen oder ähnlich beruhigende Maßnahmen, so angenehm wie möglich zu machen.

Die Babys schreien dabei trotzdem, denn sie nutzen das Schreien, um Stress abzubauen, der sich im Laufe des Tages durch all die zu verarbeitenden Reize angesammelt hat.

Es mangelte nicht an Gelegenheiten zu beobachten, wie Erwachsene mit Säuglingen umgehen. Ganz selbstverständlich passten die Mädchen (aber sicher auch die Jungen) auf ein Nachbarbaby, den kleinen Cousin oder das eigene jüngere Geschwisterkind auf.

Zu wissen, dass das normal und für die Babys hilfreich ist, macht es jungen Eltern leichter, dabei ruhig zu bleiben und sich weiterhin kompetent zu fühlen.

Älteren Kindern geht es oft ganz ähnlich wie den kleinen Babys. Ob nach dem Kindergarten oder am Abend – die letzten Stunden waren einfach anstrengend für sie. 

Zum Antritt unserer Mutterschaft wissen viele von uns kaum etwas von all den Problemen, die es beim Großziehen der Kinder natürlich schon immer gegeben hat.

Einerseits haben sie unzählige Male mit Erwachsenen und Kindern kooperiert. Sie haben Spielzeug geteilt, haben beim Morgenkreis mitgemacht, haben sich ihre Schuhe angezogen, sich an der Rutsche angestellt und haben mit dir beim Einkaufen die knackigsten Gurken ausgesucht. 

Andererseits mussten sie sich wieder ein Stück des Weges in die Selbstständigkeit erstreiten, um eigene Entscheidungen treffen zu dürfen und über sich hinauswachsen zu können. Sie kämpfen darum, neue Dinge selbst auszuprobieren und sich anzueignen, auch wenn sie nicht gleich gelingen – das kann sehr frustrierend sein. 

DAS ist die Arbeit der Kinder.

Sie entwickeln sich jeden Tag aus einem inneren Antrieb heraus weiter und das ist großartig – und kräftezehrend.

Hinzu kommen immer wieder durch bestimmte Situationen (z. B. Corona-Einschränkungen, Streit der Eltern, Geburt eines Geschwisterchens, Eingewöhnung in den Kindergarten, nahende Einschulung) oder entwicklungsbedingte Phasen (z. B. Entwicklungsschübe, Autonomiephase, Pubertät) ausgelöste Gefühle der Verunsicherung und Überforderung.

Natürlich sind unsere Kinder in solchen Zeiten noch leichter aus dem Gleichgewicht zu bringen. Es hilft, das im Hinterkopf zu behalten, weil man den Kleinen das innere Gefühlschaos nicht direkt ansehen kann.

Du bist der sichere Hafen

Ihr als Eltern seid für das Kind der sichere Hafen, den es braucht, um sich fallen lassen und die dringend nötige Psychohygiene betreiben zu können. 

Ihr seid die Menschen, bei denen es sich sicher sein kann, geliebt und angenommen zu werden, selbst wenn es seine Maske ablegt und all den Ärger des Tages bei euch ablädt. 

Es ist die Strategie, die dein Kind nutzt, um angestauten Stress loszuwerden und danach gut schlafen oder einen ruhigen Spielnachmittag zu Hause verbringen zu können.

Der Anlass ist nicht die Ursache

Es ist wichtig, dass du verstehst, dass es dem Kind nicht wirklich um das Zähneputzen, das Anziehen, den falschen Käse oder den blauen Becher geht, weswegen es gerade einen Streit vom Zaun bricht.

Du hättest nichts "besser" gemacht, wenn du in vorauseilendem Gehorsam, noch in den dritten Supermarkt gefahren wärst, um zu sehen, ob es dort noch den Lieblingskäse gibt oder wenn du die Spülmaschine eher angestellt hättest, um alle Becher am Abend einsatzbereit zu haben.

Das Kind würde sich dann wahrscheinlich einen anderen Anlass suchen, um endlich seinen emotionalen Ballast abladen zu können. Versuche also besser nicht, einfach jedem Konflikt mit deinem Kind aus dem Weg zu gehen. Dein Kind braucht jetzt dringend einen Aufhänger.

Was kannst du tun?

Wenn es ganz akut mal wieder so weit ist, hilft nur, sich die wahre Ursache des Zorns vor Augen zu halten, es zu akzeptieren, auszuhalten und zu versuchen, dem Kind die warme, verständnisvolle Atmosphäre zu bieten, die es braucht, wenn es sich dir in all seiner Verletzlichkeit zeigt.

Durch die Ruhe, die du selbst ausstrahlst, kannst du das Kind co-regulieren, sodass es sich deutlich schneller wieder beruhigt und sich sicher und geborgen fühlt, als wenn du auf Konfrontation gehst.

Vorbeugende Maßnahmen

Überlege dir, wie du dein Kind schon früher am Tag durch gesunde Routinen unterstützen kannst, sich zu entspannen und emotionalen Ballast in kleineren Dosen loszuwerden.

Das ist bei jedem Kind anders und du brauchst ein wenig Experimentierfreude und eventuell auch einen langen Atem. 

Mach dir am besten Notizen in Tagebuchform, um herauszufinden, wann dein Kind zu der „Problem“-Tageszeit etwas entspannter war als sonst.

Hier ein paar Beispiel-Ideen:

Baby spielen

Manche Kinder lieben es, nach dem Kindergarten eine Weile wie ein Baby behandelt zu werden, weil sie sich dort so viel „zusammenreißen“ mussten. 

Hilf deinem Kind dann beim Schuhe und Jacke anziehen, trage es ein Stückchen, biete ihm an, ihm was zu trinken oder zu essen zu bringen oder lass es auf deinem Schoss sitzen. 

Das Kind kann dadurch Liebe und Geborgenheit tanken und wird von sich aus wieder selbstständiger werden, wenn es genug hat.

Bewegung

Wenn dein Kind etwa in der Schule lange still sitzen musste, obwohl es seinem Wesen widerspricht, dann sorge am Nachmittag für ausreichend Bewegung. Dies reduziert nachweislich Stress. Am besten bewegt ihr euch zusammen und geht dafür raus in die Natur.

Machtspiele

Vielleicht frustriert es dein Kind, stets und ständig den Befehlen Erwachsener folgen zu müssen. Nicht nur Erzieher oder Lehrer, auch ihr Eltern fordert ständige Kooperationsbereitschaft, damit der Alltag nach euren Vorstellungen laufen kann. 

Es kann das Verhältnis zum Kind enorm entspannen, wenn ihr Zeiten in den Tagesablauf integriert, in denen das Kind mal der Chef sein kann. Super sind schon 15 Minuten, in denen du dich voller Achtsamkeit darauf einlässt, was dein Kind möchte.

Oder jedes Kind darf reihum mal den Sonntagnachmittag planen und dafür alles bestimmen und vorbereiten.

Vielleicht mag dein Kind auch gerne körperliche Raufspiele, bei denen du spielerisch ruhig auch mal der Unterlegene sein darfst, der sich wundert, woher das Kind nur all die Kraft hat. Womöglich müsst ihr dabei zusammen lachen und das ist Psychohygiene in ihrer schönsten Form.

Ja-Umgebung

Grundsätzlich ist es gut, wenn du zu Hause eher eine Ja-Umgebung schaffst, um nicht so oft nein sagen zu müssen. 

Zum Beispiel indem du alles wegräumst, was dein Kind nicht anfassen soll, indem du gesunde Süßigkeiten anbietest und Ungesundes gar nicht erst einkaufst oder in dem du den Kindern ein gewisses kreatives Chaos zugestehst ohne sie ständig zu ermahnen - je nachdem, wo eure Konfliktpunkte sind.

Häufig Luft ablassen, statt Ärger anzustauen

Du solltest dein Kind darin bestärken, auch alle „negativen“ Gefühle zuzulassen, sobald sie aufkommen. Es wäre nicht gesund, wenn es versucht, diese zu verdrängen. Dadurch stauen sich die Gefühle nur im Inneren an, bis alles auf einmal mit voller Wucht herausplatzt.

Stattdessen kannst du deinem Kind helfen, in Konfliktsituationen zu verbalisieren, was es gerade fühlt. Versuche nicht, jeden möglichen Wutausbruch durch Ablenkung, Beschwichtigung oder auch Ermahnung zu umgehen. Besser, dein Kind kann mehrmals am Tag ein wenig Luft ablassen, als dann am Abend zu explodieren.

Bereite dich gut vor

Wenn es trotz allem weiter zu den dramatischen Szenen am Abend kommt, dann bereite dich auf diesen schwierigen Einsatz gut vor, indem du etwas für dich selbst tust.

Wenn dein Partner da ist, kannst du vielleicht vor dem Zu-Bett-bringen zehn Minuten Auszeit für dich nehmen. Trinke in Ruhe einen Tee und lasse in Dankbarkeit nochmal die schönsten Momente des Tages Revue passieren. Mache eine Runde Yoga oder einen Spaziergang um den Block, höre Gute-Laune-Musik oder was immer dir gut tut.

Und dann gehe mit dem Gefühl auf dein Kind zu „Ich bin bereit, ich bin deine Mama, ich werde stark für dich sein und du darfst jetzt alles bei mir abladen, was du abladen musst.“

Es könnte sein, dass alleine schon deine veränderte Haltung den Ausbruch deines Kindes etwas abmildert.

Zerfleische dich nicht selbst, wenn es dir doch nicht gelingt, ruhig zu bleiben. Du bist auch ein Mensch, der unter Stress weniger Empathie empfindet und stattdessen mit Kampf- oder Flucht-Automatismen reagiert.

Du kannst dennoch die Verantwortung übernehmen, indem du immer wieder von Neuem versuchst, Stress aus eurem Alltag rauszunehmen und in empathischer Verbindung mit deinem Kind zu bleiben.

Überprüfe deine Gedanken

Nimm Unterstützung an

Es kann sein, dass du wirklich entspannt und ausgeruht in so eine abendliche Situation hineingehst und dennoch von einer Sekunde auf die andere in die Luft gehst. 

Vergessen ist dann deine hehre Absicht und du hast plötzlich einen fiesen Gedanken wie „es reicht, ich lass mich nicht von meinem Kind terrorisieren“ oder „mein Kind hat keinen Respekt vor mir“ oder „ich habe als Mutter versagt, weil mein Kind sich so aufführt“.

Dieser Gedanke macht dich verzweifelt und du wirst sehr wütend und bist auf einmal gar nicht mehr die fürsorgliche, emphatische und liebevolle Mutter, die du gerade noch sein wolltest.

Es ist wichtig, dass du diesen Gedanken wahrnimmst und dich mit ihm auseinandersetzt: Ist er wahr? Ist er in der Situation hilfreich? Was könntest du stattdessen denken?

Ich hoffe, meine Anregungen helfen dir, ein Stück weit die Dramatik aus den kindlichen emotionalen Ausbrüchen zu nehmen und euer Familienleben etwas zu entspannen.

Möchtest du, dass ich dich an die Hand nehme und bei deinem persönlichen Reflexionsprozess begleite? Dann informiere dich hier über mein Mama-Coaching-Angebot.

Ich würde mich freuen, wenn du mir im Kommentar etwas über deine Erfahrungen schreibst! Welche Anlässe nutzt dein Kind regelmäßig, um angestauten Stress abzuladen und wie gelingt es dir am besten, damit konstruktiv umzugehen?

Wie sind deine Gedanken zu dem Thema? Hast auch du die Erfahrung gemacht, dass erfahrenere Mütter häufig entspannter sind? Ich freue mich über deinen Kommentar.

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Was dir – genau wie den Schimpansinnen – helfen kann, ist ein soziales Netzwerk, das dich unterstützt und dich in harten Zeiten auffängt. Nimm daher jede Gelegenheit wahr, Familienbande, Freundschaften und deinen Bekanntenkreis zu pflegen. So fällt es dir leichter, um Hilfe zu bitten und Unterstützung zu erhalten. Du musst es nicht alleine schaffen.

Lena Franck

Ich bin Lena Franck, 37 Jahre alt und selbst Mutter dreier Kinder. Als Mama-Coach helfe ich Müttern, im Familienalltag gelassen und selbstsicher zu sein, sodass sie ihr Leben mit ihren Liebesten endlich genießen können, statt nur zu meckern und zu schimpfen – denn eine zufriedene Mama ist das größte Geschenk für die Entwicklung eines jeden Kindes! Mehr über mich

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