Ein bedürfnisorientiertes Miteinander in der Familie ist für mich ein ganz wichtiger Grundpfeiler. Das gilt sowohl privat als auch in meiner Arbeit mit Mamas. 

Aber was Bedürfnisorientierung ganz konkret bedeutet, das wird oft sehr unterschiedlich verstanden.

Das kommt daher, dass der Gedanke der Bedürfnisorientierung ursprünglich aus dem Amerikanischen der 80er-Jahre, dem Attachment Parenting nach Dr. William Sears kommt. 

Bei ihm ging es primär um Babys. Dr. Sears vertrat die Ansicht, dass wir Eltern die Bedürfnisse des Säuglings nach Nähe, Sicherheit und Nahrung so prompt wie möglich erfüllen sollten. So geht es dem Baby gut, es kann positive Erfahrungen sammeln und sich gut entwickeln.

Das klingt erstmal, als ob Bedürfnisorientierung nur für Babys gilt. Somit wäre sie etwa mit einem Jahr abgeschlossen. Außerdem werden mit diesem Fokus die Bedürfnisse des Babys in den absoluten Mittelpunkt gerückt. Die Bedürfnisse anderer Familienmitglieder werden nicht erwähnt. Es entsteht leicht der Eindruck, als seien diese nicht weiter wichtig.

Ich verstehe unter Bedürfnisorientierung allerdings etwas anderes. 

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Bedürfnisorientierung für alle

Für mich bedeutet ein bedürfnisorientierter Umgang in der Familie, dass die Bedürfnisse aller Familienmitglieder wichtig sind, also von Vater, Mutter und allen Kindern gleichermaßen.

Das bedeutet für mich auch, dass wir uns nicht an abstrakten Normen und Idealen ausrichten. Stattdessen sind die realen Individuen in unserer Familie ausschlaggebend. Es geht darum, was jeder und jede Einzelne für das Wohlergehen braucht.

Dem Kind ist nicht geholfen, wenn Eltern in einem Ratgeber nachschlagen oder in einer Tabelle ablesen, was das Kind in welchem Alter braucht oder können sollte. Es bringt nichts zu wissen, dass ein „Normkind“ so viele Stunden Schlaf braucht, so und so viele Mahlzeiten, so viele Stunden exklusive Zuwendung, maximal so viel Bildschirmzeit und ein Puzzle, das auf das Alter des Kindes zugeschnitten ist.

Würden wir so vorgehen, müsste ich meine 8-jährige Tochter in Kleidung zwängen, auf der „8 Jahre“ drauf steht, auch wenn ihre Größe eher der Kleidung entspricht, auf der „11 Jahre“ draufsteht. 

Wir müssen also genau hinschauen: Wieviel Schlaf braucht denn DIESES Kind? Wann lernt DIESES Kind krabbeln? Wie geht es DIESEM Kind, wenn es Zeit vor einem Bildschirm verbringt oder verbracht hat? Und für welche Herausforderung interessiert es sich gerade in seiner momentanen Entwicklungsphase?

Genauso ist auch uns Müttern nicht mit Idealvorstellungen geholfen, denen wir entsprechen sollen. Beispielsweise kursieren Ideen, wie genau man als Mutter Selbstfürsorge betreiben sollte. Da nimmt eine Mutter vielleicht schon jeden Sonntag ein Entspannungsbad und geht donnerstags zum Pilateskurs. Weil sie glaubt, dass das alle guten Mütter so machen. Und dennoch kann diese eine spezielle Mutter ihre Akkus dabei nicht aufladen. Weil sie eigentlich lieber auf dem Sofa sitzen und lesen würde. 

Bedürfnisorientierung bedeutet, dass wir genau hinschauen und genau wahrnehmen, was der jeweilige Mensch braucht.

Bedürfnisorientierte Erziehung fängt bei den elterlichen Bedürfnissen an

Das fängt natürlich bei uns an. Wir Mütter oder auch Väter dürfen auf unsere Körpersignale achten und in uns reinfühlen: Was brauchen wir jetzt? Und was können wir tun, um uns dieses Bedürfnis zu erfüllen. Welche Strategien gibt es dafür? Welche passen gerade?

Und wenn wir das können, dann werden wir automatisch auch bei unseren Kindern mit einem geschulten Blick hinschauen. Was brauchen diese wirklich, damit es ihnen gut geht?

Es geht hier nicht um Standardmenschen mit Standardbedürfnissen. In echten Familien leben Individuen. Und deren Bedürfnisse können entsprechend unterschiedlich sein.

Es gibt Menschen, die gegenüber Reizen sehr sensibel sind, welche, die viel Bewegung brauchen, welche, die jede Menge Rückzug und Pausen benötigen, solche, die Routinen und andere Sicherheiten brauchen usw.

Wenn wir bedürfnisorientiert denken, dann beurteilen wir diese Bedürfnisse nicht. Sie sind einfach da, ein Umstand, mit dem wir umgehen müssen.

Auch unpopuläre Entscheidungen können bedürfnisorientiert sein

Wir Eltern haben die Verantwortung für das Bedürfnismanagement der Familie. Also es ist nicht so leicht, dass wir einfach die Kinder fragen: „Was brauchst du eigentlich?“ Und dann kaufen wir ihnen eben die Barbie und das Bedürfnis ist befriedigt. 

Nein, wir sind verantwortlich hinter das Verhalten des Kindes zu schauen und darauf einzugehen, was das eigentliche Bedürfnis ist. Das Kind wünscht sich vielleicht einen Lolli, aber was es braucht ist eine gesunde, nachhaltig sättigende Mahlzeit. Das Kind rastet aus, weil es nicht den blauen Becher bekommt, aber in Wahrheit hat es ein Bedürfnis nach Sicherheit oder nach Autonomie oder nach Aufmerksamkeit und Verbundenheit mit uns.

Dazu gehört, dass wir uns auch unbeliebt machen. Wir sagen vielleicht: „Nein, das Besuchskind kann nicht schon zum Mittagessen nach der Schule mit nach Hause kommen.“ Weil wir aus Erfahrung wissen, dass unser Kind nach der Schule immer erst mal Zeit für sich braucht, um runterzukommen. Dazu gehört vielleicht, dass wir den Schokoriegel nicht kaufen, dass wir die Medienzeit einschränken, usw., weil wir wissen, dass das Kind sich sonst unausgeglichen und aggressiv verhält.

Schluß mit "Das macht man eben so"!

Und weil wir uns auf dieses Kind und unsere Erfahrungen beziehen, können wir uns nicht, wie Eltern früher, hinter einem: „Das macht man eben so“ verstecken. Wir sollten klarstellen, dass wir nun mal die Verantwortung haben und glauben, dass es dem Kind mit unserer Entscheidung letztlich besser geht.

Wir können uns auch unpopulär machen, wenn wir uns um unsere eigenen Bedürfnisse kümmern. Vielleicht will unser Kleinkind nicht, dass wir auch mal ohne es aus dem Haus gehen und es beim Papa zurücklassen und es dann schreit und tobt. 

Manchmal ist es eben ein Abwägen. Wenn ich mich viel besser fühle, nachdem ich abends eine Stunde mit der Freundin alleine Spazieren war, dann komme ich auch besser durch die folgende vielleicht anstrengende Nacht mit dem zur Zeit so anhänglichen Kind.

Das Kind würde lieber die Mama für immer ganz nah bei sich behalten, aber wir wissen, dass auch der Papa trösten kann. Und wir glauben, dass es letztlich der ganzen Familie zugutekommt, wenn wir darauf achten, uns selbst immer wieder Auszeiten zu nehmen und uns zu stärken.

Warum ist bedürfnisorientierte Erziehung eine gute Sache?

1) Wir fördern so einen sozialverträglichen Umgang in der Familie

Wenn es Menschen gut geht, wenn ihre Bedürfnisse gestillt sind, wenn sie nicht gestresst oder im Mangel sind, dann zeigen sie sich sozial von ihrer besten Seite. Sie sind empathisch mit anderen, sie können flexibler auf Unvorhergesehenes eingehen, sie stecken kleine Frustrationen besser weg und sie kooperieren mit anderen. Das gilt für Eltern wie Kinder gleichermaßen.

Genau das wünschen wir uns doch für das Miteinander in der Familie, oder? Gegenseitiges Verständnis und füreinander da sein. Und zwar, ohne dass sich jemand für dieses Ideal verbiegen oder total zurückstecken muss. 

Auch wenn wir uns noch so bemühen, kommt es natürlich in jeder Familie immer wieder vor, dass es einzelnen Familienmitgliedern aufgrund unbefriedigter Bedürfnisse mal nicht gut geht und sie sich das in entsprechendem Verhalten zeigt. Das ist ok so und gehört zum Leben dazu. Alles in allem geht es allen aber besser, wenn sie mit ihren Bedürfnissen zumindest gesehen werden. 

2) Wir bringen den Kindern bei, gut für sich zu sorgen

Es ist wichtig, dass jede Person sich erst mal um die eigenen Bedürfnisse kümmert. Aus der daraus gewonnenen Energie und Zufriedenheit heraus wird sie auch von Herzen gerne für andere da sein.

Das erreichen wir, wenn wir üben, Gefühle wahrzunehmen, als Hinweisgeber für unsere Bedürfnisse. Und wenn wir praxistaugliche Strategien suchen, um uns diese zu erfüllen. 

Es ist ganz wichtig, dass wir Eltern das können, weil wir zum Einen, unseren Kindern so ein Vorbild sind.  Wir leben vor, auf sozialverträgliche Weise auf uns selbst zu achten und uns gut um uns selbst zu kümmern. 

Zum Anderen fällt es uns dann viel leichter, auch die Kinder entsprechend zu begleiten. Wir können dann empathisch hinsehen und merken, wenn bei unseren Kindern unbefriedigte Bedürfnisse entstehen. Dann können wir helfen, sie mit der richtigen Strategie zu erfüllen: „Du willst nicht mehr Stillsitzen und Mathe büffeln. Du brauchst wohl erst mal eine Pause. Wie wäre es, wenn wir eine Runde Seilspringen und uns danach eine Saftschorle mit Eiswürfeln zur Stärkung machen?

Wir nehmen das Kind an die Hand, beschreiben, was in ihm vorgeht, welches Bedürfnis wohl unerfüllt ist und welche Strategien helfen könnten. So lernt auch das Kind mit der Zeit, sich selbst zu regulieren. 

Es merkt sich: „Wenn ich mich ausgelaugt fühle, hilft es eigentlich immer, wenn ich eine Weile in mein Zimmer gehe und für mich spiele. Und wenn ich mich gelangweilt fühle, dann ist es immer hilfreich, wenn ich in der Nachbarschaft frage, ob ein Kind Zeit hat, mit mir zu spielen.“ 

Wenn das Kind sich in der Kindheit die Fähigkeiten aneignet, den eigenen Gefühlen zu trauen und sie durch ein bestimmtes Handeln aufzulösen, dann wird es sich auch als Erwachsener gut um sich selbst kümmern können.

3) Die Kinder lernen, Konflikte ohne Machtausübung zu lösen

Wenn die Eltern häufig sagen, „Es wird so gemacht, weil ich das sage!“ und das durchdrücken, ist das natürlich auch der Standard, wie das Kind außerhalb der Familie mit Konflikten umgehen wird. 

Der Stärkere darf alles entscheiden, der Schwächere hat sich zu fügen. Wenn wir als Eltern hingegen darauf achten, bei Bedürfniskonflikten auf das Erleben, die Wahrnehmung, die Bedürfnisse aller hinzuweisen und nach einer Lösung suchen, die dies alles berücksichtigt, dann gehen auch die Kinder hinaus in die Welt und sagen, „Aha, das brauche ich und das brauchst du, wie können wir hier gut zusammenkommen?“

Jetzt werden mir viele von euch zustimmen, dass der bedürfnisorientierte Ansatz mit meiner Definition durchaus Sinn macht. Und doch fällt es vielen, auch mir immer noch, wirklich schwer, das im Alltag auch durch und durch zu leben. Woran liegt das?

Warum fällt mir der bedürfnisorientierte Ansatz in der Praxis so schwer?

1) Uns fehlen die Vorbilder

Das eine ist, dass wir selbst in der Regel den bedürfnisorientierten Umgang als Kinder nicht vorgelebt bekommen haben. Meine Generation wurde sehr stark durch Lob und Tadel, durch Belohnung und Bestrafung in eine bestimmte Richtung geformt. Und zwar in die Richtung eines Idealkindes, das durch gesellschaftliche Anforderungen geprägt war.

Die individuellen Gefühle und Bedürfnisse wurden damals eher ausgeblendet. Wichtig war, dass jeder „funktioniert“.

Wenn wir es heute mit unseren Kindern anders machen wollen, dann haben wir das Problem, dass wir nicht auf unsere Erfahrungen zurückgreifen können. Wir haben keine Vorbilder, wir konnten niemanden beobachten, wie das ganz konkret im Alltag eigentlich funktioniert. 

Und wenn wir in eine schwierige Situation geraten und nicht wissen, was wir tun sollen, dann sind wir gestresst und überfordert. Dann werden unbewusst Verhaltensweisen ausgelöst, die wir tatsächlich als Kind erfahren oder beobachtet haben. Zum Beispiel schreien wir urplötzlich unser Kind an oder verhängen verzweifelt Konsequenzen.

Das entspricht unserer ganz natürlichen, biologisch angelegten Kampf- oder Flucht-Reaktion.

Darum dürfen wir anerkennen, dass es eine schwierige Aufgabe ist, jetzt auf einmal mit unseren Kindern bedürfnisorientiert zu leben. Es ist nichts, was sich durch einen Entschluss einfach von heute auf morgen ins Leben holen lässt.

Wir müssen auf diesem Weg sehr geduldig mit uns selbst sein und uns sehr viel Zeit geben. Perfektion sollten wir dabei nicht anstreben. Stattdessen dürfen wir uns über jede kleine Entscheidung freuen, die wir im bedürfnisorientierten Sinne getroffen haben. 

Wir sollten uns Fehler zugestehen, die ja in jedem Lernprozess auftreten müssen. Es ist okay, das es nicht leicht fällt. Und doch ist jeder kleine Schritt in die bedürfnisorientierte Richtung so wertvoll für die ganze Familie.

2) Wir machen Denkfehler bei der Bedürfnisorientierung

Dadurch, dass der Begriff der Bedürfnisorientierung so schwammig ist und wir auf so wenig konkrete Erfahrung zurückgreifen können, tun sich auch schnell Missverständnisse auf. 

Es gibt Eltern, die sich komplett für ihr Kind aufgeben. Sie stellen dann die Bedürfnisse und manchmal auch Wünsche und Befehle des Kindes über alles. Selbst wenn sie dafür selbst auf dem Zahnfleisch gehen. 

Das Blöde ist, wenn es uns selbst nicht gut geht, dann sammelt sich der ganze Stress und Frust in uns mehr und mehr an. Bis wir irgendwann beim kleinsten Anlass, alles in einem emotionalen Ausbruch entladen. Das ist für Kinder unberechenbar. Und somit wirkt es auch viel angsteinflößender, als wenn wir uns immer wieder im Alltag auch für unsere eigenen Bedürfnisse einsetzen würden.

Dann gibt es noch ein Missverständnis: Wenn wir in der bedürfnisorientierten Erziehung nur alles „richtig“ machen, dann sind alle in der Familie stets freundlich und glücklich. Das ist natürlich weder richtig noch überhaupt erstrebenswert. Hier findest du einen eigenen Blog-Post zu häufigen Denkfehlern in der bedürfnisorientierten Erziehung.

3) Wir können nicht erwarten, dass die Kinder einfach „hören“

Leider ist es so, dass die konventionelle schwarze Pädagogik häufig hervorragend „funktioniert“. Das Kind tut, was man sagt. 

Fängt man nun an, die Bedürfnisse des Kindes mit einzubeziehen, wird es komplizierter. Wir müssen selbst flexibler werden und darauf eingehen, was unsere Kinder brauchen und was IHRE Ziele sind. Wenn wir selbst gerade nicht in unserer Kraft sind, kann uns das auch schnell mal überfordern.

Bedürfnisorientiert erziehen und Leichtigkeit – geht das überhaupt zusammen?

Aufgrund dieser Hürden, habe ich mal die Frage einer Teilnehmerin in meinem Gruppenprogramm „Bewusster leben als Mama“ gestellt bekommen: „Bedürfnisorientierter Umgang und Leichtigkeit – geht das überhaupt zusammen?“ 

Diese Mama hatte aus ihrer Umgebung das Feedback bekommen, dass sie es sich doch so unglaublich schwer mache, wenn sie ständig auf die Kinder eingehen möchte usw.

Ich sage: Ja, unter bestimmten Voraussetzungen lebt es sich sogar viel leichter. Und zwar dann, wenn zu deiner Liste der Anforderungen an dich selbst und deine Kinder jetzt nicht einfach noch die Bedürfnisorientierung obendrauf packst. 

Wir können nicht all unsere Energie da reinstecken, dem Bild einer Idealfamilie in unserem Kopf zu entsprechen und gleichzeitig jeden Menschen sehen wollen, wie er ist, und ihm Raum für seine Bedürfnisse lassen. 

Das geht natürlich nicht beides. Wir müssen also bereit sein, unsere Idealvorstellungen loszulassen. Wir dürfen flexibel, neugierig und offen sein und unseren eigenen Lebensstil finden, der zu unserer Familie passt. Egal was andere denken könnten. 

Dann gewinnen wir ganz viel an Leichtigkeit, weil es uns einfach guttut und so viel Druck abfällt.  Und das erfordert Reflexion.

Möchtest du genau diesen Weg gehen, brauchst aber Unterstützung? Im September starten wir mit einer neuen Gruppe in das Jahresprogramm "Bewusster leben als Mama". Du kannst dich jetzt unverbindlich in die Warteliste eintragen. 

Ansonsten bin ich neugierig auf deine Gedanken zum Thema bedürfnisorientierte Erziehung. Schreib mir gerne einen Kommentar!

Autorin Lena Franck

Ich bin Mama-Coach und selbst Mama dreier Kinder, die 9 Jahre, 7 Jahre und 2 Jahre alt sind. Ich unterstütze Mamas dabei, sich wieder zufriedener und ausgeglichener zu fühlen, um für ihre Kinder endlich die entspannte und fröhliche Mama sein zu können, die sie sich eigentlich für sie wünschen. Denn eine zufriedene Mama ist die beste Mama, die du sein kannst!

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